Wharton Insights 01: Die Familie ist das grösste Kapital

Was ermöglicht es einer Familie, über Generationen hinweg erfolgreich zu sein? Julian Boaden, Founding & Managing Partner von Bodewise Cottonfield, teilt einige seiner wichtigsten Erkenntnisse aus seiner kürzlichen Teilnahme am Wharton Family Office Program der University of Pennsylvania in Philadelphia, USA.
Im ersten Beitrag einer vierteiligen Serie erläutert er, weshalb der langfristige Erhalt von Familienvermögen einen Blick über das Finanzkapital hinaus erfordert – auf die Menschen, ihre Beziehungen, Werte und das gemeinsame Verständnis dessen, was wirklich wichtig ist.
Julian, was war eine der wichtigsten Erkenntnisse, die du aus dem Wharton Family Office Program mitgenommen hast?
Eine Botschaft hat mich besonders angesprochen: Das grösste Kapital einer Familie ist die Familie selbst.
In unserer Arbeit mit Familien beschäftigen wir uns naturgemäss intensiv mit Anlagen, Strukturen, Performance und Risiken. All diese Themen sind wichtig. Betrachtet man jedoch mehrere Generationen, ist das Finanzkapital nur ein Teil des Ganzen. Ebenso entscheidend ist das Humankapital, das dahintersteht – und wie sich dieses über die Zeit entwickelt und an Wert gewinnt.
Die Menschen hinter dem Vermögen bestimmen letztlich nicht nur, was mit den Vermögenswerten geschieht, sondern auch, wie sich die Familie entwickelt. Ihre Werte, Fähigkeiten, Beziehungen und ihr Verantwortungsbewusstsein prägen den Umgang mit Vermögen, die Entscheidungsfindung und die Fähigkeit der Familie, über Generationen hinweg zusammenzuhalten.
Eine der wichtigsten Erkenntnisse aus Wharton war für mich, dass wir die Familie auf das Vermögen vorbereiten müssen – und nicht nur das Vermögen für die Familie. Das bedeutet, in die Ausbildung, Selbstständigkeit und Verantwortungsfähigkeit der nächsten Generation zu investieren. Gleichzeitig gilt es, ein gemeinsames Verständnis von Sinn und Zielsetzung sowie das Vertrauen aufzubauen, das notwendig ist, um Entscheidungen miteinander zu treffen.
Das hat eine Beobachtung bestätigt, die wir auch in unserer eigenen Arbeit zunehmend machen: Vermögen über Generationen hinweg zu erhalten, ist nicht einfach eine finanzielle Aufgabe. Es geht ebenso darum, Menschen zu fördern, Beziehungen zu stärken und die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass die nächste Generation verantwortungsvoll mit dem anvertrauten Vermögen umgehen kann.
Was genau verstehst du unter «Humankapital»?
Humankapital umfasst das Wissen, die Fähigkeiten, Werte, Beziehungen und Potenziale innerhalb einer Familie.
Dabei geht es um die einzelnen Familienmitglieder – ihre Stärken und Ambitionen, aber auch ihre Fähigkeit, sich weiterzuentwickeln, miteinander zu kommunizieren und Verantwortung zu übernehmen. Dazu gehören ebenso die Beziehungen zwischen den Generationen sowie die gemeinsamen Werte und die Identität, die eine Familie verbinden.
Das Ziel besteht nicht darin, dass alle gleich denken oder handeln. Vielmehr geht es darum, ein Umfeld zu schaffen, in dem sich jeder Einzelne entfalten kann und gleichzeitig mit der Familie und ihren grundlegenden Werten verbunden bleibt.
Weshalb ist das für den langfristigen Erfolg einer Familie so wichtig?
Weil finanzielles Vermögen allein keine Kontinuität schafft.
Mit dem Wachstum einer Familie nimmt auch ihre Komplexität zu. Unterschiedliche Generationen setzen möglicherweise andere Prioritäten, Familienmitglieder verfolgen individuelle Lebenswege, und die Vorstellungen über Vermögen, Verantwortung und die Zukunft können auseinandergehen.
Humankapital zu entwickeln bedeutet, jene Fähigkeiten und Beziehungen zu stärken, die es einer Familie ermöglichen, konstruktiv mit diesen Unterschieden umzugehen. Dadurch entsteht eine tragfähigere Grundlage für Entscheidungen über Vermögen, Unternehmen und die gemeinsame Zukunft.
“DIE FAMILIE AUF DAS VERMÖGEN VORBEREITEN – NICHT NUR DAS VERMÖGEN FÜR DIE FAMILIE.”
Welche Rolle spielen dabei Werte und ein gemeinsamer Sinn und Zweck?
Sie geben Orientierung. Familien investieren häufig viel Zeit in die Definition ihrer Anlagestrategien, beschäftigen sich aber deutlich weniger mit der Frage, welchem Zweck ihr Vermögen letztlich dienen soll.
Was möchten wir mit unserem Vermögen ermöglichen? Was wollen wir bewahren? Welche Verantwortung ist damit verbunden? Und was soll auch dann wichtig bleiben, wenn sich Lebensumstände und Generationen verändern?
Es muss nicht in allen Fragen vollständige Einigkeit herrschen. Unterschiedliche Perspektiven sind natürlich und können wertvoll sein. Ein gemeinsames Verständnis grundlegender Werte und Ziele bietet jedoch Orientierung, wenn wichtige Entscheidungen anstehen.
Was bedeutet das für die nächste Generation?
Die Vorbereitung der nächsten Generation ist ein wesentlicher Bestandteil der Entwicklung des familiären Humankapitals – und sie beginnt lange bevor Vermögenswerte oder Verantwortlichkeiten formell übertragen werden.
Junge Familienmitglieder brauchen Möglichkeiten, ihre Fähigkeiten zu entwickeln, Erfahrungen zu sammeln und schrittweise zu verstehen, was es bedeutet, Teil einer vermögenden Familie oder einer Unternehmerfamilie zu sein.
Das heisst nicht, dass alle zu Anlagespezialisten werden oder ins Familienunternehmen eintreten müssen. Eine Person übernimmt vielleicht die Unternehmensführung, eine andere wird zu einem kompetenten und engagierten Aktionär, während sich jemand anderes in der Family Governance, in philanthropischen Aktivitäten oder auf einem ganz anderen Weg einbringt. Entscheidend ist, dass mit den Möglichkeiten auch das Verantwortungsbewusstsein wächst.
Was bedeutet das für die Rolle eines modernen Family Office?
Ein modernes Family Office sollte beide Dimensionen verstehen: das Vermögen und die Menschen dahinter – und das, was sie über Generationen hinweg miteinander verbindet.
Unsere Aufgabe besteht nicht darin, den Dialog innerhalb der Familie oder spezialisierte Berater zu ersetzen. Vielmehr geht es darum, die Zusammenhänge zwischen verschiedenen Lebensbereichen zu erkennen, Fragen zu stellen, die sonst möglicherweise unbeantwortet bleiben würden, und Orientierung und Struktur zu bieten, wenn finanzielle, persönliche und familiäre Aspekte aufeinandertreffen.
Einschneidende Ereignisse wie eine Unternehmensnachfolge oder eine Erbschaft haben selten ausschliesslich finanzielle Konsequenzen. Sie können Rollen, Beziehungen und die Dynamik einer ganzen Familie verändern. Gleichzeitig werfen sie eine grundlegende Frage auf: Wie kann sich eine Familie an eine sich wandelnde Welt anpassen und dabei den Werten treu bleiben, die ihre Identität prägen?
Für mich steht genau das im Zentrum der Rolle eines modernen Family Office. Es geht nicht darum, eine Familie in ihrem heutigen Zustand zu bewahren, sondern sie dabei zu unterstützen, sich weiterzuentwickeln, ohne das zu verlieren, was sie im Innersten zusammenhält. Jede Generation bringt neue Perspektiven, Ambitionen und Ideen mit, während gemeinsame Werte für Kontinuität sorgen.
Jedes Familienmitglied spielt in diesem grösseren Zusammenhang eine Rolle. Ziel ist es, jeder Generation zu helfen, nicht nur zu verstehen, was sie möglicherweise erben wird, sondern auch, welchen Beitrag sie selbst leisten kann – und welche Verantwortung sie trägt, die Familie für nachfolgende Generationen zu stärken.
Letztlich braucht es für den langfristigen Erhalt von Vermögen über Generationen hinweg mehr als finanzielles Kapital. Es braucht Menschen, die sich miteinander verbunden fühlen, gemeinsame Ziele verfolgen und bereit sind, Verantwortung für die Zukunft ihrer Familie zu übernehmen.